Der bleiche Hund
Im Stuttgarter Westen gibt es einen kleinen Park
und darin ist eine Bank. Darauf saß letzte Nacht ein
junger Mensch, ein junger Mann; seine Freunde nennen
ihn Luggi. Einen Gummischlauch hatte er sich um den
Oberarm gewickelt und verknotet. Da kamen die Adern
des Unterarms stark hervor und er konnte gut mit einer
Injektionsspritze in eine hineinstechen und eine
glücksbringende Flüssigkeit reindrücken. Dann löste er
den Schlauch und sah in den Nachthimmel und sah den
Vollmond und eine weiße Wolke, die sich an ihm
vorbeischlich.
Weit waren seine Augen geöffnet. Eine Wolke,
geformt wie ein Hündchen! Der Hund war hell und bleich.
Er hatte einen großen Kopf, eine flache Stirn und kleine
Schweinsäuglein, einen Schwanz und krumme Beine.
„Ich werde ihn `Killer' nennen," beschloss der Süchtige.
„Nein, Killi! - Genau: Killi!", und lachte glucksend in sich
hinein.
Der bleiche Hund vor dem Mond senkte sich
langsam, kam nieder zwischen die hohen Wohnhäuser.
Er trottete die dunkle Straße entlang, den großen Kopf vor
sich herschiebend. Speichel tropfte zäh von seinen
Lefzen und ungemein kräftige Zähne blitzten im
Mondlicht.
Da war das Haus, dass er suchte. Der bleiche Hund
stand auf wie ein Mensch, wie Luggi, und schloss die Tür
auf. Seine Wohnung war im Erdgeschoss. Als er die
betrat, war die Mutter schon zu Bett gegangen. Also ging
er ins Schlafzimmer, machte Licht und sprach: „Wo ist die
Scheckkarte?"
„Die kriegst du nicht!", stieß die Frau hervor. „Du
willst bloß wieder Schnaps und einen Druck! Ich hab sie
versteckt."
Der Hund packte die Frau am Hals und knurrte: „Die
Scheckkarte!" Aber der Kehlkopf war schon zerbissen und
nur ein Gurgeln ließ sich hören. Wütend biss der bleiche
Hund den Hals ganz durch und die Mutter fiel zu Boden.
Da sprudelte sehr viel Blut hervor. Der Hund suchte die
Karte. Er suchte in der Handtasche, im Schrank, im
Nachttisch. Aber er fand sie nicht.
Der junge Mann auf der Parkbank legte sich hin. Da
trottete ein bleiches Hündchen heran. Er schob seinen
wuscheligen Kopf in die Hände des glücklichen Schläfers
und leckte dessen Finger. Der erwachte kurz, murmelte:
„Na, Killi..." und wunderte sich über seine klebrigen,
dunklen Hände... Da wurde der Vollmond schwarz.
Heute morgen geht der Jürgen, wie öfters, wenn
schönes Wetter ist, und noch keine Leute unterwegs sind,
schnurstracks durch diesen kleinen Park. Ordentlich
frische Morgenluft tanken! Auf einer Bank schläft ein
Penner. Als Jürgen an dem vorbeigeht, bemerkt er neben
diesem einen kleinen, bleichen Hund sitzen, zerzaust wie
eine Wolke. „Na," fragt er leise, „dein Herrchen schläft
wohl noch?" Das Hundchen schiebt seine Nase unter die
Jacke in die Hände des Schläfers und wieder hervor. Auf
ihr ist jetzt Farbe. - Blut!
Kurze Zeit danach betrachtet der
Polizeikommissar den Toten. „Luggi," sagt er. „Er war
ein Drogensüchtiger und ist uns bekannt. Aber das
viele Blut an den Händen...?" Er nimmt sein Handy,
wählt. „Geht gleich zum Luggi nach Hause! Verständigt
den Notarzt! Und ich befürchte, die Spurensicherung
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